TINDERELLA

 

Das erste Mal habe ich von einer solchen “Dating-App" im Jahr 2008 gehört. Es war im Sommerurlaub auf Ibiza und meine schwulen Freunde habe mir von Grinder erzählt. Ich hatte zu der Zeit nicht mal ein Smartphone. Ich fand die Idee sofort interessant und habe die Jungs ausgequetscht und gefragt, warum es sowas nicht auch für Heteros gibt. Alle mit denen ich gesprochen habe waren einstimmig der Meinung, dass Männer einfach direkter und offener sind und genau das der Grund ist, warum Grinder in der Gay-Community so gut funktioniert. Also habe ich mich relativ schnell wieder davon verabschiedet die "Hetero-Variante“ dieser App zu programmieren.

Sieben Jahre später gibt es wohl fast niemanden mehr aus der Generation Y der nicht seine Erfahrungen damit gemacht hat. Warum war dieses Szenario 2008 undenkbar und heute ist es das Normalste der Welt? Man hat ja schon oft von Erfindungen gehört, die einfach ihrer Zeit voraus waren, wenn man nur an Bildtelefonie um die Jahrtausendwende denkt. So war es wohl auch mit Tinder. Aber was genau ist jetzt im Fall von Dating anders als damals? 

Einer der Gründe könnte sein, dass wir in einer Wegwerfgesellschaft leben. Das scheint leider auch immer mehr für’s Zwischenmenschliche und Soziale zu gelten. All die negativen Eigenschaften, die man der Generation Y gerne anhaftet, kann man eins zu eins auf Tinder übertragen. No commitment, Reizüberflutung, klappt es mit dem / der ist der / die Nächste nur einen Swipe entfernt. Kämpfen und sich Mühe geben ist auch nicht mehr nötig und manchmal sind digitale und reale Welt leider zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. 

Am Gebrauch der App hat sich auch nichts geändert. Was wir für Stories von unseren Freundinnen gehört haben ist manchmal schon sehr grenzwertig.1 Man weiss ja das einem nichts passieren kann, wenn man nur vor einem Bildschirm sitzt und der Person nicht in die Augen schauen muss. So what? Dreistigkeit siegt. Quantität vor Qualität. Eine/r wird schon anbeissen. So scheinen einige zu denken - nicht nur die männlichen User. Facebook hat es vorgemacht und ein wenig zieht sich dieses Verhalten durch alle sozialen Kanäle: das Leben was die meisten auf Facebook,Instagram & Co. haben ist die geschönte Version vom wahren bzw. Wunsch-Leben.2

Da gibt es den Typen, der zum ersten Date mit sportlichen 20kg mehr auf den Hüften angetanzt kam. Oder das Mädel, dass zu einem von uns meinte, dass sie Tinder eigentlich nie benutzt, zum anderen hingegen, dass sie mit 28 Dates in den letzten 6 Monaten ein wahrer Pro ist. Witzig ist auch die Indienerfahrung, wo man als Europäer natürlich in einer Stadt wie Mumbai sofort auffällt und das natürlich bei einer sehr überschaubaren Zielgruppe, da der Rikscha-Fahrer sicherlich andere Sorgen hat als den nächsten Treffer bei Tinder. Oder der Klassiker: "Ich hatte vor dir erst ein Tinder-Date" dicht gefolgt von "Eigentlich mache ich sowas sonst nicht".3

Wie kann es also sein, dass Tinder im Jahr 2015 einen so starken Zulauf hat und scheinbar den Nerv der Zeit trifft? Auch wenn die wenigsten 2008 ein Smartphone hatten dürften sie ja wenigstens ähnlich gedacht haben - sollte man meinen. Das ist wahrscheinlich auch immer noch so. Ich war neulich für ein Wochenende in Leipzig und habe da mal wieder Tinder genutzt. Nach zwei Minuten war mal durch mit der Suche und die Matches die man hatte waren “Damen", die einen auf eine andere Seite locken wollten. Tinder war quasi tot in der Stadt. Back to the roots. Offline Dating. Soll ja auch ganz nett sein.

Tinder funktioniert wohl vor allem in grossen, aufregenden Metropolen wie Berlin, London, Amsterdam, New York und Barcelona. Ein Multikulti-Mix an Persönlichkeiten, eine grosse anonyme Stadt mit genug potentiellen Partnern, ein ständiges Kommen und Gehen, spannende, offene Menschen. Es ist ja auch nicht so, dass Tinder nur für negative Schlagzeilen sorgt. Dafür nutzen es (noch) zu viele Leute. So „schlimm“ kann es also nicht sein. Vielleicht war es auch nur ein weiterer, aufregender Trend, der seinen Zenit schon überschritten hat. Wie mit allem ist es eher was man draus macht und wenn man sich als Tinderella ausguckt.4 Im Bekanntenkreis gibt es durchaus auch Beispiele von Paaren, die sich eben genau über solche Apps kennengelernt haben und nach wie vor glücklich sind. 

Hand auf’s Herz: am Ende des Tages will niemand alleine sein. Auch wenn die meisten so tun, als ob sie sich auf gar keinen Fall binden wollen war es dann doch oft so, dass sie nach ein paar Monaten in Beziehungen waren und suuuuuper happy. Viele machen sich was vor und ich glaube hier liegt auch die Gefahr der App: man stumpft ab. Auf der einen Seite aufgrund der negativen Erfahrungen, auf der anderen Seite weil es einem zu leicht gemacht wird. 

Sinnbildlich dafür eine Situation, die Jesus am Wochenende erlebt hat, als er glücks- und volltrunken morgens um 6am im “Prince Charles” auf den nächsten tanzbaren Beat gewartet hat. Neben ihm ein junger Israeli, eigentlich recht attraktiv, der sein Handy rausgeholt und Tinder angemacht hat um festzustellen ,dass es einfach nicht klappen will mit ihm und der Damenwelt in Berlin. Dabei ist er doch einfach nur auf der Suche nach einer Freundin und versteht nicht woran es liegt, weil es in Israel doch auch funktioniert. Jesus wäre nicht Jesus wenn er nicht gleich mit Rat und Tat zur Seite gestanden hätte, also forderte er den jungen Mann auf, ihm doch mal sein Profil zu zeigen. Das erste Foto war ein schmieriges Thumps-Up-auf-dem-Jetski Grinsen in die Kamera … 

1 Wir sind ja ganz zahme Schafe und haben selbst beim Tindern immer absolut auf Qualität geachtet. Wie wir zu dem Begriff “Business Tindern” gekommen sind, erzählen wir euch ein anderes mal.

2https://www.youtube.com/watch?v=QxVZYiJKl1Y

3 Was wem wiederfahren ist überlassen wir Euer Fantasie. 

4https://www.youtube.com/watch?v=bLoRPielarA